Samstag, 23. Februar 2008

Modest Mouse - Good News For People Who Love Bad News

Modest Mouse – Good News For People Who Love Bad News



Blicken wir einmal zurück: 1993 versammt Isaac Brock ein paar vielversprechende Musiker um sich, um mit ihnen die Band Modest Mouse zu gründen. Drei Jahre und eine EP später erscheint auf dem Label Up Records This Is A Long Drive For Someone With Nothing To Thing About. Damals noch etwas unerfahren, finden Modest Mouse auf ihren nächsten Album The Lonesome Crowded West ihren typischen Sound, sowie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Die Jahre gehen vorüber, The Moon And Antarctica festigt ihren Erfolg und Isaac Brock, äh, Entschuldigung, Edgar Grahams gründet mit Ugly Casanova ein weiteres Bandprojekt. Sieben Jahre vergehen, bis die Band mit ihren neuen Album Good News For People Who Love Bad News ihr bisher vielleicht bestes Werk geschaffen hat. Jeder einzelne Song besitzt seinen eigenen eigenwilligen Charakter, von Song zu Song schwankt das Gemüt der Platte. Auf der einen Seite das grimmige Dancehall, das durch Brock´s grummelnde Stimme und dem nach vorne treibenden Schlagzeug an Ugly Casanova – Zeiten erinnert, auf der anderen Seite das sensible Blame It On The Tetons, in dem der Gesang verletzlich wie eine junge Rose im kalten, schneebedeckten Winter durch den Song schleicht. Doch trotz solcher weichen Momente spürt man deutlich, wie es in Isaac brodelt. Sein aufgebrachter Gesang in This Devil´s Workday, der in einem Lacher endet, der bösartiger nicht sein könnte, oder der wutentbrannte Aufschrei in Satin In A Coffin („Are you dead are you sleeping? God, I sure hope you are dead!”) zeigen, wie zerwühlt und ungehalten sein Gemüt brennt. Weil er zwischen solchen Wutausbrüchen doch noch die Zeit findet, einmal ruhig durchzuatmen, findet man sich hier und da auf der Tanzfläche wieder, etwa dann, wenn The View mit seinem zackigen Rhythmus zum Umherspringen einläd. Oder man sich zurücklehnet, um der verträumt melancholische Hommage an den genialen Schriftsteller Charles Bukowski zu lauschen. Gitarre, Gesang und Banjo verschmelzen hier in einer harmonischen Art, die den Song zu einem der besten Modest Mouse – Songs werden lässt. Sowieso ist es bei diesem Album sehr schwer, wirkliche Höhepunkte zu finden. Nämlich dann, wenn jedes Lied für sich allein schon einer ist und jederzeit als Single herhalten könnte. Entschieden hat sich die Band letztendlich für das relaxte und durch den Basslauf sehr entspannten Ocean Breathes Salty, bei dessen Video man einmal wieder bewiesen hat, in welch hoher Qualität auch noch in der heutigen Zeit die beiden Medien Musik und Bild miteinander wirken können.

Das Abschluss-Doppel bilden One Chance, das Erinnerungen an die Pixies weckt und der vergnügt-quietschende Jam mit dem optimistischen Titel The Good Times Are Killing Me. Doch bevor die Besprechung dieses Albums an dieser Stelle ihr Ende finden würde, wollen wir, ganz im „Memento”-Stil den Text mit dem Anfang beenden. Nämlich mit dem Lied, das dann doch noch ein bisschen über den anderen steht, das dem Album dieses eine Fünkchen mitgibt, der es von einem „sehr guten” zu einer „brillianten” Platte macht. Die Rede ist von The World At Large, dem Opener. Von Anfang an erfüllt die Leadgitarre mit ihrem feinen, gelassenen Klängen den Raum, später setzt Isaac Brock ungewohnt bedächtig mit seiner Stimme ein. Ein Backgroundgesang lässt einen Übergang zwischen den einzelnen Strophen erkennen. Zitate reihen sich an Zitate, die man sich für immer auf die Brust tätowieren möchte, um sie in jeder Lebenslage möglichst nahe am Herz tragen zu können. „Walked away to another plan. Gonna find another place, maybe one I can stand.” Oder das Jahr im Wandel: „The days get shorter and the nights get cold.
I like the autumn but this place is getting old. (...) The days get longer and the nights smell green.
I guess it's not surprising but it's spring and I should leave.”

Ein Mensch auf der Durchreise, mit der Mischung aus Angst und Gewissheit, vielleicht nie anzukommen. Und dann, bevor das Lied sich in hallenden Chören und verzerrten Tönen verliert, die letzten Worte: „I know that starting over is not what life's about.
But my thoughts were so loud I couldn't hear my mouth...”

Und das Album beginnt.



Wertung: 10/10



Anspieltipps:


The World At Large

Bukowski

The View

Satin In A Coffin

Blame It On The Tetons




Hörproben:

Offizielle Myspace-Seite von Modest Mouse

Freitag, 8. Februar 2008

Pelle Carlberg - In A Nutshell

Pelle Carlberg – In A Nutshell



Irgendwie passt es ja. Sollte man Pelle Carlberg´s Musik beschreiben, könnte man mit etwas Fantasie auch seinen Geburtsort nennen. Dieser trägt nämlich den lustigen Namen Uppsala. Irgendwie schön, belustigend, aber auch in einer gewissen Weise auch tragisch. Genau wie sein nun zweites Album, das er fast auschließlich zusammen mit dem Multi-Instrumentalisten Henrik Nilsson aufgenommen hat. Die Musik schwankt dabei zwischen den tragisch schönen Belle and Sebastian, dem genialen Sufjan Stevens oder dem Altmeister Bob Dylan. Denn wieder schafft er es, mit einfachen Worten und lustigen Geschichten die Menschen mit derart hinreißenden Pop-Liedern voller positiver Melancholie zu verzaubern.

Sei es in Pamplona, bei dessen bezaubernder Melodie man sich rotweintrinkend auf einem Hausdach liegend, den Blick in die Sterne, wiederfindet, oder gleich danach I Love You, You Imbecile, das einen mit seinem zackigem Rhythmus launig umhertanzen lässt. In diesem liefert sich Pelle´s Stimme mit der Sängerin Ida Maria ein herrlich stimmiges Duett. Stimmig verschmelzen auch immer wieder Gitarre (Pelle) Klavier (Henrik) zu einer perfekt funktionierenden Symbiose. Wo bei viele Bands oft das eine unter der Überpräsenz des anderen zu leiden hat und es dabei eher zum Parasitismus verkommt, profitiert hier der eine vom anderen und umgekehrt. Ein gutes Beispiel etwa der Song mit dem Titel Clever Girls Like Clever Boys Much More Than Clever Boys Like Clever Girls. Handclaps leiten das Lied ein, und es dauert keine halbe Minute bis aus dem eher ruhigen Lied ein schnelles, extrem swingendes Stück für den kuschligen Dancefloor wird.

Doch auch der herrlich schrullige Humor von Pelle Carlberg ist allgegenwärtig, ob in Titeln wie Why Do Today What You Can Put Off Until Tomorrow, der Abbrechung I Touched You At The Sound Check über den ehemligen The Smiths- Drummer Mike Joyce („I Shook your hand there in the backstage room. You told me you were not the kind of dude, who´s telling people „I was in The Smiths” all the time. Later I heard you for a third time, Repeating the same phrase.”) oder ironischen Texten im Hinblick auf die eigene markttechnische Erfolglosigkeit in der Musikbranche. So singt er etwa im Hidden-Track „Hit-Song, they say I need a Hit-Song. I´ll never write a Hit-Song.” Offiziell beendet wird das Album mit dem beeindruckenden Titeltrack. Rein instrumental schwebt nur das Klavier über das weite Feld, vereinzelt weht eine Brise der Gitarre herein. So schön schmeckt Melancholie selten.

Wenn alle Menschen tanzen und ausgelassen über beide noch leicht vom Rotwein geröteten Wangen grinsen, dann ist es oft Pelle Carlberg.



Wertung: 8/10



Anspieltipps:


Pamplona

I Love You, You Imbecile

I Touched You At The Soundcheck

Clever Boys Like Clever Girls...



Hörproben:


Offizielle Myspace-Seite von Pelle Carlberg


Sonntag, 3. Februar 2008

Arcade Fire - Neon Bible

Arcade Fire - Neon Bible




Zu langweilig und zu gewöhnlich erschien der kanadischen Mannschaft von Arcade Fire das Tonstudio, weswegen sie sich dafür entschieden haben, gleich eine ganze Kirche für die Aufnahme ihres zweiten Albums „Neon Bible” zu mieten.

Sie sehen, der Gottesdienst muss heute wohl oder übel ausfallen, alternativ bietet Arcade Fire Ihnen stattdessen ein zuckersüßes, aber auch herzzerreißendes Konzert.

Mal mit englischen, mal mit französischen Worten führt Black Mirror als Opener den Hörer in das Album ein. Abgelöst wird das eher zurückhaltende Lied durch den schon fast tanzbaren Indie-Folk von Keep The Car Running, das mit seiner zuckenden Gitarre so manchen Fuß mitwippen lässt. Bevor man aber das Ticket für die Indie-Disko gekauft hat, versetzt der Titeltrack einen mit den Worten „A vial of hope and a vial of pain, in the light they both looked the same” wieder zurück in das dunkle Zimmer mit den heruntergezogenen Jalousienen. Verhalten, aber eindringlich erzeugen Gesang und Streicher eine sehr dichte, bedrohliche Atmosphäre, welche mit Zeilen wie „Not much chance for survial. If the Neon Bible is right” noch beängstigender wirkt. Mit der Gewissheit auf das sichere Ende schon mit dem Leben abgeschlossen, streicht die Orgel bei Intervention dem Hörer sanft über die Wange und umarmt ihn mütterlich, sodass man das „Hallelujah” schon mit weniger Angst als eigentlich beschrieben singen kann. Ein weiterer Höhepunkt ist der Song No Cars Go. Ein schöneres Duett hat man in der letzten Zeit nicht gehört. Selbstbewusst und mutmachend preschen die Stimmen von Win Butler und Régine Chassagne nach vorne, und mit jeden ihrer herausgerufenen „Hey´s” und „Go´s” fühlt man sich besser. Hierin eben besteht das große Plus von Arcade Fire, denn trotz allem Kirchentum hat man sich zurückgehalten, indem man aufgeblasene pompöse Gesten vermieden hat. Im Gegenteil, sucht man die „großen” Momente oft vergebens. Denn es sind die kleinen, feinen Arrangements, die dieses Album so lebendig und aktuell machen.

Schon der Film Stranger than Fiction lehrte, dass es gerade die Kleinigkeiten sind, die wir nur als schmückendes Beiwerk betrachten, die uns das Leben retten. So eine „Kleinigkeit” besteht beispielsweise aus den wunderschönen Klaviertönen, die immer wieder zwischen den anderen Instrumenten in (Antichrist Television Blues) herumhüpfen. Daneben tut dieses brilliante Stück Musik so, als wären 14 (!) Strophen ohne Refrain der selbstverständlichste Aufbau, den ein Lied haben kann, ohne in irgendeiner Weise ermütend zu klingen. Das Ende beschließt My Body Is A Cage. Win Butlers Stimme zeigt sich hier am Ende von ihrer zerbrechlichsten Seite, bis sie eine imposante Orgel auffängt und vor dem zersplittern rettet.

Dieses Gefühl nach ca. 45 Minuten, als der letzte Ton erklungen ist, diese Gänsehaut, die einen noch Stunden danach umschwebt, das sind Emotionen, die nur sehr wenige Bands auf so kunstvolle Art übermitteln können. Arcade Fire ist definitiv eine davon.


Wertung: 8,5/10



Anspieltipps:


Neon Bible

Intervention

(Antichrist Television Blues)

No Cars Go





Hörproben:


Offizielle Myspace-Seite von Arcade Fire