Okkervil River - The Stage Names

Kraftvoll ragt eine gezeichnete Hand aus einem dunklen Sumpf Richtung strahlenden Himmel empor. Würde man das Bild des Albumcovers um einige Sequenzen weiterlaufen lassen, könnte man vielleicht den Sänger/Songwriter Will Sheff erkennen, der sich, noch erschöpft, aber erleichtert, dem dunklen Gewässer entkommen zu sein, mit seiner Akkustikgitarre auf einer Wolke niederlässt, um uns von seinen Geschichten zu erzählen, die er dort unten erlebt hat. Neun Liedkanditaten werden sich im Folgenden während seinem Hörspiel vorstellen, und jeder wird seine eigene spezielle Begabung zeigen, mit der er die Ohren der Zuhörer für sich gewinnen will.
Vorhang auf für ein Programm aus Folk/Country/Indie-Rock!
Den Anfang macht Our Life Is Not A Movie Or Maybe, das anfangs noch etwas verschüchtert mit den Worten „It´s just a bad movie, where there´s no crying“ beginnt, nach kurzer Dauer aber jede Nervosität abschüttelt und selbsicher, unterstüzt von einem treibenden Schlagzeug und einem großartigen Klavier, sein musikalisches Drehbuch eindringlich vertont.
Als nächstes tritt selbstbewusst das Lied Unless It´s Kicks hervor, in dem eine herrlich zappelnde Gitarre das Tanzbein der Zuhörer souverän zum Schwingen bringt. Dem gegenüber geht der nächste Bewerber etwas unter, macht aber nichtsdestotrotz würdevoll Platz für das sensible Savannah Smiles, welches mit einer himmlisch rührenden Melodie und dem zerbrechlichen Gesang die Jury wie Himbeereis im Hochsommer dahinschmelzen lässt. Noch immer mit Tränen in den Augen träumt man bei Plus Ones weiter, und als hätte es die Wirkung des vorherigen Kanditaten erahnt, mahnt es: „No one wants to hear about your 97th tear, so dry your eyes or let it go uncried, my dear.“
Kurz durchatmen und weiter zu A Girl In Port, dem Höhepunkt des Abends. Deutlich ahnt man, wie sich alle Instrumente in den Hintergrund begeben, um Will Sheff´s unverwechselbare Stimme in den Vordergrund zu rücken, die allein schon ausgereicht hätte, den Song zu etwas ganz besonderem zu machen. Und dort, wo die Stimme kurz Luft holt, springen Gitarren-, und Klaviertöne ein und machen dieses Stück zu einem Lied, das man unbesorgt unter seine 20 Lieder für die freiwilligeVerbannung wählen müsste. Besonders Zeilen wie diese sind es, die einen noch lange im Kopf herumwandern werden: "I´m just a guest. I´m not a part, with my tender head, with my easy heart. These several years out on the sea have made me empty, cold, and clear. Pour yourself into me."
Nach diesem Epos ist es Zeit für eine kurze Verschnaufpause, damit man dem restlichen Programm noch die ihm verdiente Aufmerksamkeit schenken kann. You Can´t Hold The Hand Of A Rock And Roll Man erreicht diese durch seine verrückt tänzelnde Darbietung, zu der man am liebsten seinen Nebenmann zum fröhlichen Schunkeln in den Arm nehmen möchte. Deutlich stellt man an dieser Stelle fest, wie es der Band immer wieder gelingt, einen eigentlich traurigen Text („And our silver-screen affair, it weighs less to me than air. It´s a gas now.“) mit Hilfe eines bezaubernden musikalischen Motivs zu etwas träumerisch-unbeschwerten werden zu lassen. Nicht zu vergessen das amüsante Bild im Booklet, über das man erstmal einige Zeit zu schmunzeln hat.
Daraufhin schweben beflügelte Piano-Akkorde im Title Track über die Köpfen der Zuhörerschaft hinweg. Ein letztes Mal heult eine E-Gitarre auf, um zum Abspann in Form von John Allyn Smith Sails überzuleiten. Vom leisen, akkustischen Rausschmeißer entwickelt sich dieser zum mitreißenden Finale, das auch den Mann in der letzten Reihe aufspringen lässt und lauthals den „schlechtesten Trip aller Zeiten“ besingen lässt, bevor es zum Schluß zusammenbricht mit dem Wunsch: „I feel so broke up, I want to go home.“
Nachdem alle Anwesenden das Schauspiel verlassen haben und nur noch die Putzfrau den Abfall zusammenkehrt, sitzt man nun hier, zurückgelassen mit einem sehr schönen Gefühl in Bauch und Ohr. Das war es also, das neue Album von Okkervil River. Wieder einmal überzeugt Will Sheff´s Stimme auf ganzer Linie und auch das Klavier, das diesmal mehr in den Vordergrund gerückt ist, ergänzt das Klangbild mit sehr guten Arrangements. Besonders zu empfehlen ist auch die, leider begrenzt, erhältliche Limited-Edition des Albums, das eine Bonus-CD aufweist, auf der Will Sheff alle Songs noch einmal, nur mit seiner Akkustikgitarre begleitet, nachspielt. Mehr braucht er scheinbar nicht, dieser Mann, um seine Gedanken in wunderbare Songs zu verpacken.
Wertung: 9/10
Anspieltipps:
Our Live Is Not A Movie Or Maybe
Savannah Smiles
A Girl In Port
John Allyn Smith Sails

Hörproben:
Offizielle Myspace-Seite von Okkervil River
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